HLP HIRZEL & PARTNER

Der besondere Kunde
Jede Organisation hat ihr Eigenleben. Zugestanden. Kirche aber mutet Beraterinnen und Beratern Besonderes zu. Eine Reflexion.

gebaeudeKirche kann sich nicht nur als Organisation verstehen, die auf Basis eines bestimmten Zwecks Ziele definiert, entsprechenden Strategien folgt und dabei den Gesetzen der Wirtschaftlichkeit Rechnung trägt. Kirche ist auch Institution, die sich transzendental begründet. Als „Stiftung Gottes“ ist ihre jeweilige Organisationsform arbiträr. Dass sie in Deutschland als öffentlichrechtliche Organisation existiert und kraft Kirchensteuereinnahmen wie ein Konzern agieren kann, ist ein historischer „Zufall“ und nicht ihre Wesensbestimmung.

Das „als-ob“
Kirche ist Ereignis, das zustande kommt, wenn Menschen sich vom „Geist Gottes“ erfassen lassen und Gemeinschaft bilden. Jede „Organisationsform“ dieses Geschehens hat transitorischen Charakter. Auch wenn in Landeskirchen und Diözesen die jeweilige Organisation eherne Züge trägt und die Traditionen übermächtig wirken, gilt immer ein „Als ob“.
Wer berät, muss achtsam und respektvoll dieser transzendentalen Begründung gegenüber sein – selbst wenn er sie nicht teilt. Berater/innen brauchen Geduld, etwa wenn mitten in der Verhandlung zur Einführung eines landeskirchenweiten Intranets eine theologische Debatte ausbricht. Der Kunde verirrt sich jetzt nicht oder lenkt vom Problem ab, sondern er thematisiert es eventuell genau.

Professionelle Bürokratie
Kirche ist, obwohl eine Bewegung „von unten“, mehr (katholisch) oder minder (evangelisch) hierarchisch verfasst. Doch diese Verfassung hat die Gestalt einer „professionellen Bürokratie“ (Henry Mintzberg). Die in ihr tätigen „Schlüsselprofessionellen“ – Priester und Pfarrer/innen – handeln, treu ihrem Amtsgelübde, wie „freischaffende Künstler und Unternehmer“.
Ihre jeweilige Praxis repräsentiert Kirche als ganze. Die Professionellen müssen – geleitet von (hoffentlich) hoher Fachlichkeit und einem spezifischen Ethos – relativ eigenständig handeln. Person und Beruflichkeit sind eng verbunden, nur so kann sich in den „Kundenkontakten“ die notwendige Glaubwürdigkeit einstellen.
Dies gibt den Professionellen ein spezifisches Sendungsbewusstsein und große innere Freiheit. Was von ihnen nicht durchdrungen ist, kann nicht Strategie kirchlichen Handelns werden. Da die Professionellen geographisch differenziert sind, wird die Organisation Kirche weithin nur als Ensemble von Einzelpraxen erfahrbar. Die Steuerung der Gesamtorganisation gelingt nur in dem Maße, wie zentral verfügte Leitlinien allgemeine Überzeugung werden.
Wer berät, muss sich deshalb auf die Komplikation und Verlangsamung von Veränderungsinitiativen einstellen. Tragfähige Entscheidungen entstehen nur durch die Mitsprache vieler. Sie sind nicht „von oben“ durchzustellen.


pfeilKirche für andere
Kirche existiert, weil sie sich „beauftragt“ sieht, auf die Welt einzuwirken. Sie wirkt gestaltend (Kultur und Bildung), normierend (Ethik), tröstend (Seelsorge), helfend (Caritas/Diakonie) und relativierend (Predigt: von der Unverfügbarkeit und dem offenen Horizont des Lebens). Kirche ist „Kirche für andere“ – oder sie ist keine Kirche.
Ohne den gesellschaftlichen Bezug verlöre sie ihren Existenzgrund. Dass Kirche in ihrer Wirkung auf die Gesellschaft an Bedeutung verloren hat, macht derzeit ihre Schwäche aus und begründet zugleich neue Chancen, nun ohne Herrschaftsansprüche in die Gesellschaft zu wirken. Kirche ist eine Diskursveranstaltung, in der jedes Lebensfeld- und Gesellschaftsthema auftreten kann.
Wer berät, muss bewusst am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen und über die entsprechende kulturelle, politische Weite verfügen. Sonst verliert er/sie rasch an Glaubwürdigkeit. Berater/innen sollten also – in aller Bescheidenheit – zu kulturellen, politischen, ethischen Fragen eigene (begründete) Standpunkte haben.

In vielen Zungen
Die Kirche hat ihr eigenes Sprachspiel. Es ist durchdrungen von der Poesie jahrtausende alter religiöser Bilder, philosophischen Streitfragen und der Auseinandersetzung mit der wissenschaftlich technischen Entwicklung der letzten 250 Jahre. Zudem ist die Kirche dem Selbstverständnis nach die erste globale Organisation. Sie redet also in vielen „Zungen“. Wer berät, darf sich von diesem Reichtum nicht verschrecken lassen. Und er/sie braucht andernteils eine Sprachmächtigkeit, die über den Beratungsjargon hinausgeht. Berater/innen sollten sich darauf einstellen, dass die Sprache der Theologen sehr differenziert und selbstreflexiv ist. Sie nimmt lieber Anleihen bei der Poesie als bei der Technik; sie ist oft allergisch gegen Jargon – auch den der betriebswirtschaftlich orientierten Beratung.

Bewusster Abstand
Viele Akteure in der Kirche erfasst angesichts der systemeigenen Komplexität eine Sehnsucht nach vereinfachenden „Beraterlösungen“. Eine Weile wird „gläubig“ auf die Berater und ihre Auslassungen zu strategischer Ausrichtung, Prozessmanagement, Qualitätsentwicklung usw. gehört.
Wer berät, tut gut daran, in solcher Haltung auch einen sublimen Widerstand zu sehen; damit baut er Enttäuschungen vor. Berater/innen brauchen bewussten Abstand zu ihren „Hervorbringungen“. Nur wenn sie ihre Ideen und Modelle nicht „verkaufen“, sondern sie im Sinne des „Als ob“ einsetzen, werden sie der beratenen Kirche nützen. Selbst- und Ideologiekritik sind beraterische Grundvoraussetzung. Will beispielsweise ein diakonisches Unternehmen leistungsbezogene Gehaltsanteile einführen, dann ist Aufgabe der Beratung, die Kehrseiten des Modells mit dem Kunden herauszuarbeiten.

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